zumindest an Profil und Respekt. Er beweist in der kranken und degenerierten NBA-Welt etwas sehr seltenes wie wahre soziale Kompetenz.
Mut zu Fuße
Von Frank Hornig
Müssen Turnschuhe ein teures Hightech-Produkt sein? Ein US-Basketballprofi will mit einem 15-Dollar-Modell die Mythen von Adidas, Nike & Co. entzaubern.
Turnschuhe auf der New Yorker Fifth Avenue zu kaufen ist ein Einkaufserlebnis erster Klasse. Im Laden der National Basketball Association, gleich gegenüber von Versace, Fendi und Cartier, ist alles exquisit: Der spiralförmige Aufgang erinnert an die Reichstagskuppel oder das Guggenheim-Museum. An den Wänden hängen Sportlerfotos für 1100 Dollar das Stück. Es gibt Kapuzenpullis aus Kaschmir und handsignierte Basketbälle von Michael Jordan (1500 Dollar). Die schönsten Turnschuhe werden wie Juwelen in Glasvitrinen präsentiert.
Fragt sich bloß: Muss das sein? Braucht die Welt wirklich den "im Mittelfuß eingebauten Mikroprozessor" von Adidas oder einen Sohlensensor, der mit dem iPod kommuniziert (Nike)? Sind Höchstleistungen nur mit Spitzentechnik zu Spitzenpreisen zu haben? Und gehören Sport und Schweiß tatsächlich in die Nachbarschaft von Cartier?
Nein, sagt Stephon Marbury, einer der berühmtesten Basketballer Amerikas und Spieler der New York Knicks. Gemeinsam mit einer Billigladenkette hat er im August ein Sneaker-Paar für 14,98 Dollar auf den Markt gebracht - und trägt seinen "Starbury One" bei jedem Profi-Spiel selbst.
"Wenn deine Mutter 15.000 Dollar im Jahr verdient, kannst du dir keine Sneaker für 200 Dollar leisten", sagt Marbury, ein Multimillionär, der aus armen Verhältnissen stammt: sechs Geschwister, sozialer Wohnungsbau in Brooklyn, New York.
In den USA ist um den Turnschuh mittlerweile eine Art Kulturkampf entbrannt. Keine Vokabel scheint zu wuchtig, seit von der "New York Times" und dem "Wall Street Journal" bis zum Intellektuellenblatt "The Nation" der Makrokosmos zwischen Schnürsenkel und Zwischensohlenelement als großes Debattenthema entdeckt worden ist. Es geht um "soziale Gerechtigkeit" und "street credibility". Selbst die Bürgerrechtsbewegung steht für manche schon vor einer Wiederauferstehung.
Am Ende freilich geht es um banale Fragen: Wie cool sind Billigtreter für 15 Dollar, wenn Schuhlegenden wie der "Air Jordan" leicht das Zehnfache oder mehr kosten? Sind die Superschuhe womöglich nur deshalb so teuer, weil die Konzerne damit den Ruhm ihrer teuren Stars versilbern? Und kann man mit der Billigkonkurrenz überhaupt Körbe werfen?
Es ist schon von Raubüberfällen, Mord und Totschlag zu hören gewesen, so viel Unfrieden stiften die jeweils neuesten Hightech-Schuhe bei Teenagern, die sie sich eigentlich gar nicht leisten können. Wer sich im NBA-Laden an der Fifth Avenue angemessen einkleiden will, wird leicht mehrere hundert Dollar los.
Zumindest in der Elterngeneration dürfte Marbury, 29, deshalb wohl unbestritten zum neuen Superstar aufgestiegen sein. Denn dessen Vermarkter haben es geschafft, ihr neues Produkt ohne millionenschwere Werbekampagne als "revolutionär" zu positionieren; als Befreiungsakt fürs gemeine Volk, das - nach ihrer Lesart - nur darauf gewartet hat, dem Konsumdiktat und Imageterror der großen Marken zu entkommen.
Andy Todd ist der Chef von Steve & Barry's. Seine Firma hat die Billig-Sneaker in 150 US-Filialen auf den Markt geworfen. Kürzlich zog er mit Marbury auf einer 40-Städte-Reise durchs Land.